Für viele Menschen in Deutschland und Europa tauchte das kurdische Volk erstmals während des Kampfes gegen den sogenannten Islamischen Staat im öffentlichen Bewusstsein auf. Bilder kurdischer Kämpferinnen und Kämpfer, die Städte wie Kobane verteidigten, gingen um die Welt. Für einen kurzen Moment schien es, als würde die internationale Gemeinschaft ihre Opfer anerkennen.
Doch dieser Moment war kurz.
Was häufig übersehen wird, ist, dass das Leid der Kurden nicht mit dem Aufstieg des IS begann – und auch nicht mit dessen Niederlage endete. Es ist Teil einer langen historischen Realität aus Unterdrückung, Vertreibung und immer wiederkehrendem internationalen Versagen.
Die Kurden sind das größte staatenlose Volk der Welt. Über 40 Millionen Menschen leben verteilt auf die Türkei, Syrien, den Irak und den Iran – getrennt durch Grenzen, die ohne ihre Zustimmung gezogen wurden. In vielen dieser Staaten war es über Jahrzehnte verboten, Kurdisch zu sprechen, kurdische Namen zu tragen oder die eigene Kultur öffentlich zu leben. Identität wurde kriminalisiert, Zugehörigkeit bestraft.
Ganze Dörfer wurden zerstört.
Zivilisten wurden vergast.
Familien verschwanden in Massengräbern ohne Namen und ohne Gerechtigkeit.
Im Nordosten Syriens, einer Region, die unter Kurden als Rojava bekannt ist, entstand während des syrischen Bürgerkriegs etwas Außergewöhnliches. Inmitten von Chaos und Gewalt entwickelte sich ein Verwaltungsmodell, das auf lokaler Demokratie, Gleichberechtigung der Frauen und dem Zusammenleben verschiedener Ethnien und Religionen beruhte. Kurden, Araber, Christen und Jesiden regierten gemeinsam. Frauen spielten eine zentrale Rolle – nicht symbolisch, sondern real.
Dieses Projekt war fragil. Es war unvollkommen. Aber es war Hoffnung.
Als der IS vorrückte, waren es kurdische Kräfte, die ihn aufhielten – oft schlecht ausgerüstet, mit hohen Verlusten und unter enormem Druck. Tausende Kurden verloren ihr Leben, während sie nicht nur ihre Heimat, sondern auch Europa vor weiterer terroristischer Gewalt schützten.
Nach dem militärischen Sieg jedoch folgte keine Sicherheit.
In den letzten Monaten sind kurdische Gebiete im Norden Syriens erneut Ziel von Angriffen, Belagerungen und Vertreibungen geworden. Die Zivilbevölkerung trägt die schwerste Last. Wohngebiete wurden zerstört, Strom- und Wasserversorgung unterbrochen, Menschen mussten im Winter fliehen. Berichte über Kinder, die an Kälte oder Versorgungsmangel starben, sind keine Geschichte aus der Vergangenheit – sie sind Gegenwart.
Dies ist kein rein regionaler Konflikt.
Es ist eine moralische Bewährungsprobe.
Europa spricht oft von Menschenrechten, Minderheitenschutz und internationaler Verantwortung. Doch im Fall der Kurden blieben diese Prinzipien zu häufig folgenlos. Schutzversprechen wurden zurückgezogen, sobald sie politisch unbequem wurden.
Die Kurden fordern keinen Krieg.
Sie fordern Anerkennung.
Sicherheit.
Und das Recht, ohne Angst vor Auslöschung zu existieren.
Für ein deutsches Publikum ist diese Realität relevant. Deutschland versteht sich als Verteidiger von Völkerrecht und Menschenwürde. Wegzusehen, während ein Volk, das maßgeblich zur Bekämpfung des Terrorismus beigetragen hat, erneut entrechtet wird, stellt diese Werte infrage.
Die Geschichte wird jene zur Rechenschaft ziehen, die Verbrechen begangen haben.
Aber auch jene, die wussten – und schwiegen.
Das kurdische Volk hat Massaker, Vertreibung und Verrat überlebt. Seine bloße Existenz ist Ausdruck von Widerstand und Würde. Die entscheidende Frage ist nicht, ob die Kurden überleben werden.
Die Frage ist, ob die internationale Gemeinschaft bereit ist, endlich Verantwortung zu übernehmen.
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